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Kirchenmusik Nordwalde

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Weihnachtliches Konzert
(Einführung)

Messe am Fest der Beschneidung Christi
1. Januar 1735
wie sie an diesem Tag in der Leipziger Thomaskirche hätte gefeiert werden können.

Über das Programm

Wir sind es gewohnt, die Musik vergangener Generationen zu hören. Dies geschieht auf vielfältige Weise: zu Hause aus dem Radio, vom Tonträger über die Musikanlage, unterwegs im Auto oder per Kopfhörer. Gelegentlich wohnen wir Liveaufführungen bei, so wie Sie heute. Fast immer ist es so, dass die Musik, die wir hören, in anderen Zusammenhängen und in anderen Räumen erklingt, als dies zu ihrer Entstehungszeit der Fall war. (Orgelmusik mag hier vielleicht gelegentlich eine Ausnahme bilden.) Nehmen wir die Musik Bachs als ein Beispiel: Im Advent erklingen vielerorts die Kan-taten des Weihnachtsoratoriums. Zum Einen wird hier Musik, die für die Weihnachtsfesttage komponiert wurde, in eine völlig gegensätzliche Zeit – nämlich die Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest – verpflanzt; zum Anderen werden meist drei oder vier der Kantaten hintereinander musiziert.

Bach hat diese 6 Kantaten des Weihnachtsoratoriums aber für 6 verschiedene Gottesdienste geschrieben. Und in diesen Gottesdiensten wurde nicht nur jeweils eine Kantate musiziert, sondern noch eine große Zahl weiterer, zum Teil recht umfangreicher, und vor allen im Charakter unterschiedlicher Musik aufgeführt. Diese musikalische und liturgische Zusammengehörigkeit wollen wir in diesem Konzert erlebbar machen.

In den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts hatte Leipzig etwa 30.000 Einwohner, also etwas weniger als beispielsweise Greven heute, war aber eine Kultur- und Handelsmetropole mit eigener Universität und einer zweimal jährlich stattfindenden Messe. Entgegen dem allgemeinen Trend am Anfang des 18. Jahrhunderts war die Zahl der Gottesdienstbesucher in Leipzig sehr hoch. Man baute neue Kirchen und wiedereröffnete schon geschlossene. Die Kirchenmusik fand breite Pflege. Bach war als Thomaskantor für die Musik an gleich fünf Kirchen verantwortlich, wobei er natürlich immer nur an einem Ort sein konnte, und nicht an allen Kirchen so aufwändig musiziert wurde wie in St. Thomas und St. Nikolai. (In diesen beiden Kirchen wechselten die Aufführungen der sonntäglichen Kantaten im wöchentlichen Rhythmus.)

Man pflegte fast alle gängigen Musikstile: gregorianischer Choral, Gemeindegesang mit und ohne Orgelbegleitung, Motetten in großer Zahl auch von Musikern des 16. und 17. Jahrhunderts, Orgelmusik und die moderne, konzertierende Kirchenmusik. Der Gottesdienst in Leipzig hielt sich an an die von Luther 1523 aufgestellte „Formula Missa et Communionis“. Diese Reformvorschläge waren einerseits sehr konservativ; wo es irgend möglich war, hielt Luther an der Tradition fest (keinesfalls eliminierte er alles Latein aus dem Gottesdienst), sogar der Begriff „Messe“ blieb bestehen. Der Ablauf entsprach genau dem der alten katholischen Tradition. Der Abendmahlsteil wurde neu gestaltet, dies hing mit dem neuen Verständnis der Abendmahlsfeier zusammen. Luther war ein großer Musikliebhaber und wünschte sich für den Gottesdienst sowohl den einfachen deutschen Gemeindegesang, als auch hohe künstlerische Standards.

Oft waren es die Kantoren, die für Sonn- und Festtage neue Kompositionen im modernen Stil komponierten. Zur Zeit Johann Sebastian Bachs, er war Thomaskantor von 1723 – 1750, wurde dieser moderne Stil zum Beispiel in der wöchentlich wechselnden Kantate gepflegt; an Festtagen auch in den sogenannten Ordinariumssätzen Kyrie, Gloria, Sanctus und Agnus Dei.

Der Hauptgottesdienst, das Amt, in St. Nikolai oder St. Thomas konnte sonntags bis zu 4 Stunden dauern. Er begann um 7.00 Uhr morgens; um 8.00 Uhr begann die einstündige Predigt. Da die liturgischen Teile, die in der ersten Stunde gesungen und gebetet wurden, natürlich nicht immer gleichlang ausfielen, oblag es dem Organisten, durch seine (improvisierten) Vor- und Zwischenspiele die Zeit so auszufüllen, dass die Predigt pünktlich beginnen konnte.

Viele Gottesdienstbesucher halten es heute für die wichtigste Aufgabe der Orgel, die von der Gemeinde gesungenen Lieder zu begleiten. Bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts hatte sich diese Aufführungsweise aber noch nicht überall durchgesetzt. Auch in den Leipziger Kirchen gab es mehrere Varianten des Gemeindegesangs, die auch heute im Konzert vorkommen: Die Orgel begleitet so, wie wir es heute gewohnt sind, allerdings wurde damals wesentlich langsamer gesungen als heutzutage und an den Zeilenenden, wenn die Gemeinde atmet, spielt der Organist ein kleines Zwischenspiel. Die Lieder wurden grundsätzlich mit allen Strophen gesungen, was bei manchen Liedern durchaus eine Viertelstunde dauern kann. Wir werden es heute so machen, dass der Chor jeweils die erste Strophe des Liedes allein singt, danach sind Sie eingeladen, die restlichen Strophen kräftig mitzusingen.

Viel Zeit im Gottesdienst brauchte auch die Austeilung des Abendmahls. Eine vierstellige Anzahl von Personen empfing jeden Sonntag das Abendmahl unter beiderlei Gestalten. Dabei stellten sich die Gläubigen nicht, wie heute in der katholischen Kirche üblich, in Reihen an, um dann sofort wieder zum Platz zu gehen. Im Altarraum sammelten sich Gruppen, die nach dem Sakramentempfang noch einen Segen zugesprochen bekamen, um dann der nächsten Gruppe Platz zu machen. Hier war Raum für mindestens eine Stunde Musik. Nicht selten wurde eine zweite Kantate aufgeführt. Orgelmusik und Gemeindegesang wurden ebenfalls praktiziert.

Überhaupt wurde der ganze Gottesdienst gesungen. Außer der Predigt, die in unserer heutigen Aufführung durch eine kleine Pause ersetzt wird, gab es nur noch einen zweiten Punkt, der gesprochen wurde, die sehr umfangreichen Abkündigungen. Auch diesen Teil, der durchaus eine gute halbe Stunde dauern konnte, lassen wir in unserem Konzert weg. Trotzdem werden sicher gut zwei Stunden vergehen, bevor diese musikalische Rekonstruktion des Festgottesdienstes zu Ende geht.

Noch ein Wort zu den Texten im Programmheft. Alle Lied-, Gebets- und Bibeltexte werden in der Schreibweise wiedergegeben, wie wir sie in den Quellen der Bachzeit vorgefunden haben: in nach heutigen Gewohnheiten manchmal recht abenteuerlicher Rechtschreibung.

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 Vorankündigung:

Unser Konzert "Konfrontationen" war ein großer musikalischer Erfolg! Umso mehr freuen wir uns, dass es eine Wiederholung geben wird: am 27. Januar 2019 werden wir das Programm in Altenberge wiederholen. Eine gute Gelegenheit also für alle, die beim ersten Mal nicht dabei sein konnten.

Zu dem Weihnachtlichen Konzert im Januar 2019 gibt es eine ausführliche Einführung, die Sie hier lesen können.

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